Was haben „Gutmenschen“ mit DDR-Pionieren zu tun?

Ziel der Pionierorganisation war es, die Kinder auch in der Schule im Sinne der staatlichen Ideologie zu erziehen und ihnen ein klares, einseitiges Bild der DDR, der „sozialistischen Bruderländer“ und des „Klassenfeindes BRD“ zu vermitteln. Was hat das mit uns und dem Krieg in der Ukraine zu tun?

Folgende E-Mail wurde gerade von dem Fachbereichsleiter „Gesellschaftswissenschaften“ eines Berliner Gymnasiums (ab Klasse 5!) an das Kollegium und die Schülervertretung gesendet. Die Klassenlehrer leiteten den Aufruf dann weiter an die Elternsprecher mit der Bitte um Weiterleitung an alle Eltern:

„Betreff: Aufruf an das Rückert-Gymnasium: Flagge zeigen!
Von: eichhorn@rueckert-gymnasium-berlin.de
An: Kollegium@rueckert-gymnasium-berlin.de, SV@rueckert-gymnasium-berlin.de

Liebe Kolleg*innen, liebe Schüler*innen,
der Krieg in der Ukraine eskaliert immer weiter. Putin hat erneut Tausende
von Soldaten nebst Panzern und Raketen in Bewegung gesetzt, Kiew steht kurz vor dem Fall.
Die Menschen leiden, Verzweiflung macht sich breit, wer kann, flieht ins Ungewisse.
Und aus diesem Grund ist es an der Zeit, dass auch das Rückert-Gymnasium im
wahrsten Sinne der Worte Farbe bekennt, Flagge zeigt, den Menschen in der
Ukraine symbolisch sagt: Wir stehen zu euch!
Deshalb rufe ich im Namen des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und
des Vorstandes der GSV Sie, verehrte Kolleg*innen, und euch, liebe
Schüler*innen, dazu auf, am Mittwoch, dem 09.03.22, in den Farben der Ukraine, hellblau und gelb,
zum Unterricht zu erscheinen, um damit ein Zeichen der Solidarität, der Verbundenheit und des Mitgefühls für das ukrainische Volk zu setzen.

Lassen Sie sich/ lasst euch etwas einfallen, ob es ein bemaltes T-Shirt oder ein Schal, ein Emblem auf dem Arm, der Wange oder nur ein Basecap sein soll, vielleicht auch nur die Maske in blau-gelb.
Schön wären auch Sprüche in Form von klaren Statements zum Krieg, vielleicht auch auf Transparenten oder Plakaten, die wir aufhängen könnten. Der Kreativität soll keine Grenze gesetzt sein. Vielleicht meinen einige, das bringt doch eh nichts, was hilft es den Menschen in der Ukraine, wenn wir symbolisch zu ihnen stehen.


Natürlich werden wir damit keine Rakete, keinen Panzer stoppen und das Blutvergießen nicht verhindern. Aber wir sind nicht allein. Putin erhält von allen Seiten diese Bekundungen, dass sein Krieg ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen Freiheit und Demokratie darstellt und dass er Milliarden von Menschen in aller Welt gegen sich hat. Und auch sein Heimatland erhält diese Botschaften, begreift langsam, dass Russland isoliert in der Welt dasteht, nicht nur wirtschaftlich, sondern z.B. auch im wichtigen Bereich des Weltsports. Und für mich ist fast noch wichtiger, dass unsere Regierenden erkennen, was der Wille der Menschen in unserem Land ist. Und da sind wir schon sehr erfolgreich, denn wir sehen, welche Veränderungen sich ergeben:
Jahrzehntealte politische Prinzipien werden plötzlich über den Haufen geworfen. Die pazifistische SPD unterstützt plötzlich Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet. Die Steuersparpartei FDP wirft mit Steuermilliarden um sich. Und die Atomkraftgegner von den Grünen müssen über
Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke diskutieren.

Man mag mit diesen Entscheidungen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einverstanden sein, aber ich glaube, das Wichtigste ist, dass sich die Parteien bewegen, auch für radikalere Lösungen bereit sind. Das tun sie unter anderem, weil sie praktisch Volkes Wille, des Souveräns, erkennen und sei es auch nur an solch kleinen Aktionen wie der des Rückert-Gymnasiums, die aber nur eine von tausenden ist. Deshalb also der Aufruf: Kommen Sie/kommt zahlreich in gelb/blau gewandet, auf dass unser Appell ein machtvoller werde.
Uwe Eichhorn, Fbl Gesellschaftswissenschaften“

*****
Der Feind ist wieder klar ausgemacht und wir, die Guten, müssen gegen den Feind gemeinsam Stellung beziehen. Da müssen alle mitmachen, „Farbe bekennen“ und das richtige Halstuch am richtigen Tag tragen! Und was passiert mit denen, die so einseitig und geschichtsvergessen nicht Farbe bekennen wollen?
Was passiert mit russisch-stämmigen Kindern? Dürfen sie die(se) Schule bald nicht mehr besuchen? Ist der neue Feind gefunden (nachdem „Corona“ dazu nicht mehr taugt), mit dem man Menschen wieder aus der Gemeinschaft ausschließen kann?
Was meint der „Gesellschaftswissenschaftler“, wenn er von „radikaleren Lösungen“ und „Volkes Wille“ spricht?
Sind ihm die Bildungs- und Erziehungsziele im § 3 SchulG Berlin bekannt, nach denen die Schülerinnen und Schüler u.a. lernen sollen „sich Informationen selbständig zu verschaffen und sich ihrer kritisch zu bedienen, eine eigenständige Meinung zu vertreten und sich mit den Meinungen anderer vorurteilsfrei auseinander zu setzen, die eigenen Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeiten sowie musisch-künstlerischen Fähigkeiten zu entfalten und mit Medien sachgerecht, kritisch und produktiv umzugehen,..
Konflikte zu erkennen, vernünftig und gewaltfrei zu lösen, sie aber auch zu ertragen,…“
https://www.schulgesetz-berlin.de/berlin/schulgesetz/teil-i-auftrag-der-schule-und-recht-auf-bildung-und-erziehung-anwendungsbereich/sect-3-bildungs–und-erziehungsziele.php
Kennt die Schulleitung die folgenden Aussagen der „Bundeszentrale für politische Bildung“ zum Neutralitätsgebot?
„Die Schule wahrt Offenheit und Toleranz. Sie respektiert im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unterschiedliche Auffassungen. Schülerinnen und Schüler dürfen nicht einseitig beeinflusst werden. Lehrer_innen dürfen in der Schule keine politischen Bekundungen abgeben, welche die Neutralität des Landes gegenüber Schüler_innen sowie Eltern oder den politischen Schulfrieden gefährden oder stören.“
https://www.bpb.de/themen/bildung/zukunft-bildung/292674/was-man-sagen-darf-mythos-neutralitaet-in-schule-und-unterricht/#node-content-title-1

 

Am Mittwoch kommen alle in blau/gelb – natürlich aus Solidarität!

Beitrag und Bild von Romana 

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